„Sag mal, wie oft hast du eigentlich gepresst?“

Seit wann ist es salonfähig geworden, am Kaffeetisch über Dammrisse zu sprechen? Und warum diskutieren Fremde meine Familienplanung? Und wieso werden ich das Gefühl nicht los, dass die meisten Fragen nicht aus Interesse gestellt werden, sondern zur Bewertung meiner mütterlichen Fähigkeiten?

Versteht mich nicht falsch, ich bin in jedem Fall dafür, das Mysterium Mutterschaft für jede Einsteigerin in diesem fragwürdigen Club zu entmystifizieren. Viel zu viele Neu-Mamas fallen aus der Blase der Pamperswerbung rüde auf den Boden der Wirklichkeit. Hinter dem Kinderkriegen steht eine Industrie, die verkaufen möchte und bei wenigen Themen wird so sehr verklärt und gelogen wie beim Kinderkriegen. Beim Heiraten vielleicht noch, aber das ist ein anderes Thema.

Auch um die Geburt des Kindes legt sich eine rosarote Wolke, die suggeriert, man könne mit teuren Hypnobirthing-Kursen und Vagina-Dehnungspömpeln um den Geburtsschmerz herumkommen. In dieser Scheinwelt wird das Schlachtfeld, das Kira Knightley endlich einmal offen thematisiert hat (Keira Knightley: My vagina split) zur Bühne von Konsum und Selbstfindung. Nicht selten begegnet die werdende Mama dem Mysterium Mutterschaft mit genauso mysteriösen Praktiken, als öffne sich mit dem Muttermund gleichsam die Pforte zur esoterischen Welt. Das Gebären wird zur Sinnsuche, als trete man mit der Geburt in einen geheimen Club ein, ähnlich einem Initiationsritual.

Nur leider will ich überhaupt kein Mitglied dieses Clubs sein! Wenn ich also mit offener Kommunikation dazu beitragen kann, diesen Wahnsinn, der sich um Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft rankt, ein wenig zu mindern, bin ich sofort dabei.

Aber was mir seit Gretas Dasein immer häufiger begegnet, ist eine merkwürdig voyeuristische Neugier, ein Abfragen von Informationen, nach deren Erhalt bewertet und abgeurteilt wird. In keinem Bereich wurde ich je so stark beurteilt und bewertet wie in meiner Rolle als Mutter – und das nicht „nur“ von meinem nahen Umfeld, sondern bevorzugt von Bekannten und beinahe Fremden. Der angesetzte Maßstab ist dabei ziemlich ungnädig: die Maße der perfekten Geburt werden in Stunden, Anzahl der Presswehen und Schmerzmittel, Gewicht und Länge des Kindes gemessen. Es ist eine wahre Kreißsaal-Olympiade. Die Natürlichkeit der Geburt ist oberstes Gebot und Schmerzmittel, Wunschkaiserschnitte oder Nicht-stillen-wollen werden zu Todsünden. Ganz zu schweigen von einer Gewichtszunahme, die über die (messbaren) legitimen Zahlen von Fruchtwasser, Baby und Uterusmuskulatur hinausgeht.

Man ist als werdende Mutter mit dem positiven Schwangerschaftstest einem Anforderungskatalog ausgesetzt, an dem man nur scheitern kann. Anstatt sich wunderbar zu fühlen, seinen Bauch und jedes vorbeiziehende Stück Kuchen zu genießen, muss man sich auf den Spießrutenlauf Mutterschaft gefasst machen. Perfektion hat ihren Preis. Sie beginnt mit der „richtigen“ Ernährung samt adäquater Gewichtszunahme und endet bestimmt nicht mit der natürlichen Geburt. Bevor man nach dem Wohlbefinden gefragt wird, werden Zahlen abgefragt. „Wie lange hat es denn gedauert? Sie kam doch normal, oder?“, „Ja, wie groß und wie schwer war sie denn?“ und gleich danach „Schläft sie schon durch?“

Hat man mit den harten Fakten der Geburt überzeugt, stimmen Länge und Gewicht des Kindes, wurden die Schmerzen medizinisch ungemindert ertragen und schläft es nach der dritten Nacht schon durch, geht es direkt weiter. Ich habe im Zoo eine alte Studienkollegin getroffen und stecke unverhofft im nächsten Kreuzverhör. Wo ich arbeite und wie lange ich die Elternzeit plane. Heikles Thema, auch hier stößt man schnell auf Missbilligung. Meine Freundin Susanne steht neben mir, sie ist seit drei Jahren mit ihrem kleinen Sohn in Elternzeit und ein konkretes Datum zum Wiedereinstieg in den Job steht nicht fest. Man sieht meiner Studienkollegen deutlich an, dass sie sie für faul hält, vielleicht auch ein  bisschen für eine Versagerin, es liegt auf jedem Fall Missbilligung in ihrem Blick. Den Rest des Gesprächs wird sie ignoriert und meine Aggression wächst sekündlich. Meine 1,5 Jahre Elternzeit waren wohl akzeptabel, auch wenn mein Gegenüber mehrfach betonen muss, dass sie wieder gearbeitet hat, als ihre Tochter ein Jahr alt war. Man gilt aber auch als schlechte Mutter, wenn man zu früh wieder in den Job zurück will. Weshalb hat sie denn überhaupt ein Kind bekommen, wenn sie sich doch nur für ihre Karriere interessiert, fragt man sich hinter vorgehaltener Hand. Zumindest den ersten Zahn, das erste Wort, die ersten Schritte hat man abzuwarten, will man nicht unter den Verdacht der karrieregeilen Ego-Mutter gestellt werden.

Wieso vergleichen sich Frauen untereinander so hart? Wieso kann man seinem Gegenüber nicht zugestehen, einen individuellen Weg zu gehen, der, weil wir eben alle verschieden sind, von meinem eigenen Weg abweichen darf?!

Ich finde man sollte den Schwangeren in seinem Umfeld sagen, dass es scheißegal ist, auf welchem Weg das Kind herauskommt – Hauptsache es geht währenddessen und danach Mutter und Kind gut und keiner nimmt Schaden. Und dass eine PDA eine wunderbare Erfindung ist, auf die man ganz ohne Scham des Versagens zurückgreifen kann, wenn man an seine Schmerzgrenze gelangt. Dass es okay ist, zuzunehmen und Käsekuchen zu inhalieren, denn man verzichtet als Schwangere auf genügend andere Dinge. Und Stillen klappt sowieso am besten ohne Druck, wenn man es denn will. Wann man wieder in den Job zurückkehren möchte (oder vielleicht by the way auch aus finanziellen Gründen muss), sollte nicht bewertet werden. Und grundsätzlich sollte man fremde Menschen nicht nach Rissen in deren Vagina befragen, ich finde, das gehört sich einfach nicht.

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