Keine Digitalisierung ohne Diversität? Am Anfang steht die Verständigung über Begrifflichkeiten.

Gleich zu Beginn meiner Arbeit zu dem Thema Diversität und Diversitätmanagement ist mir aufgefallen, was für eine mediale Präsenz dieses Thema hat, das dabei eigentlich gar kein richtiges Thema ist, sondern vielmehr eine Art Blase, unter deren Membran sich Expert*innen verschiedenster Bereiche mehr oder weniger differenziert zum Thema Vielfalt im weitesten Sinne äußern.

Angeheizt durch Joe Bidens „historisches Kabinett“, wie die Süddeutsche Zeitung titelte, wurde der Diversity Diskurs in sozialen Medien wie LinkedIn und Twitter zu einer #metoo-ähnlichen Bewegung, die in der öffentlichen Wahrnehmung verknüpft mit dem Gesicht von Kamala Harris zu einem Synoynm für Emanzipation und Multikuturalität wurde. Spätestens nach dem Gedichtsvortrag von Amanda Gorman bei Bidens Amtseinführung war klar, dass dieser Präsident Vielfalt in einer vielschichtigen Art und Weise als festen Bestandteil seiner Politik begreift.

Dass in seinem Begriffsverständnis Diversität mehr als ein Genderthema ist, hängt mit Sicherheit auch damit zusammen, dass das Konzept des Diversity Management in den USA der 50er und 60er Jahre geboren wurde und dort eng verbunden mit der Verabschiedung des Civil Rights Act von 1964 ist. Frauenrechts- und Bürgerbewegungen forderten damals in jenem Bürgerrechtsgesetz das Ende der Benachteiligung aufgrund bestimmter Merkmale wie Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationale Herkunft ein, Verstöße konnten fortan der Equal Employment Opportunity Commission (EEO) gemeldet werden.

Business Influencer wie Tijen Onaran kombinieren den ohnehin schon diffusen Begriff der Diversität im aktuellen Medien-Diskurs gerne mit weiteren Begriffswolken. „Keine Digitalisierung ohne Diversität“ – diese Aussage ließ mich ratlos zurück. Onaran lässt diesen populistischen Slogan auf einer Studie basieren, die von ihr selbst gemeinsam mit der Europa-Universität Flensburg durchgeführt wurde. Insgesamt 392 Personen nahmen daran Teil und wurden zum Stellenwert von Digitalisierung und Diversität bei ihren Arbeitgebern sowie über das Gelingen derer digitalen Transformation befragt. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Unternehmen mit „einem höheren Frauenanteil in Führungspositionen“ besser in Sachen Diversität und Digitalisierung aufgestellt seien. Es wird aus der Veröffentlichung der Studie aber nicht klar, inwiefern vorher überhaupt ein Verständnisabgleich in Bezug auf die Terminologien „Digitalisierung“ und „Diversität“ stattgefunden hat. Auch wird nicht klar um wie viel höher der Frauenanteil in Führungspositionen in diesen Unternehmen tatsächlich war. Wenn nun also jede dieser 392 Personen einen unterschiedlichen Diversitätsbegriff hatte – oder man zumindest weit entfernt von einem terminoloischen Konsenz war – wie soll diese Studie dann eine Aussagekraft besitzen?

Ich persönlich finde die Arbeit von Tijen Onaran bewundernswert. Ich liebe die provokanten Aussagen in den Posts ihres Unternehmens GDW Global Digital Women GmbH auf LinkedIn und lache regelmäßig herzhaft über Comics, die unsere männliche Führungselite parodieren. Ohne ihre Netzwerkbibel wäre ich vermutlich nicht einmal in den sozialen Medien vertreten (ein herber Verlust!). Aber dennoch finde ich das Thema der Diversität (und ganz nebenbei auch das der Digitalisierung, mit dem das STZ-RIM, für das ich arbeite, mein Gehalt verdient) definitiv zu wichtig, um es lediglich für populistische Slogans zu verwenden – auch wenn Onaran eben genau damit dem Thema jene Popularität zukommen lässt, die es dringend braucht, nicht zuletzt um darüber das Interesse für eine Methodik zu wecken.

Ich nehme den Diversity-Staffelstab von Onaran gerne entgegen und machen mich dann mal zur terminologischen Begriffsdefinition auf, ohne die meine methodische Arbeit wohl kaum Sinn machen würde.

Literatur/Links zum Thema: http://diversity-studie.global-digital-women.com/digitalisierung-und-diversitaet-in-unternehmen/

Laura Wallner: Diversity im Mainstream? Diskurse über Vielfalt in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Sektor, Weinheim/ Basel 2020.

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