Warum man die Sache mit der Unternehmenskultur zu Ende denken sollte.

Ich stelle mir das mit der Unternehmenskultur ein bisschen so vor wie mit der Kindererziehung: die Familie sitzt abends am Tisch, so ganz unter sich, der Papa rülpst verstohlen, die Mama zetert, ob das sein wirklich am Tisch sein muss und die Kinder studieren interessiert ihre Vorbilder. Am folgenden Samstag, bei Omas 70. Geburtstag, sitzt der Papa da im weißen Hemd und die Mama auch ganz adrett und sind entsetzt über die Manieren ihrer Kinder: der Marvin rülpst und ignoriert die Mutter, Joline popelt unauffällig in der Nase. Es wird gemaßregelt und geschimpft, entschuldigend bei Tante Gertrud alles auf den schlechten Einfluss der andern Kinder in der Kita geschoben, mit Fernsehverbot und „ich gehe gleich mit euch nach Hause, wenn ihr euch nicht benehmen könnt“ gedroht. Leider ist das Marvin und Joline egal, und überhaupt wissen sie auch nicht so recht, was sich die Eltern denn unter dem „Benehmen können“ genau vorstellen.

Man muss jetzt kein Genie sein, um diese Situation auf ein Unternehmen zu übertragen. Und es ist mit Sicherheit auch keine neue, bahnbrechende Erkenntnis, dass das Verhalten von Vorgesetzen Vorbildcharakter hat und sich auf die Mitarbeiter*innen auswirkt. Aber was mich in der vergangenen Zeit wirklich beschäftigt hat, ist, wie stark man als Geschäftspartner den Ton im anderen Unternehmen wahrnehmen kann. Ich schreibe bewusst wahrnehmen, weil mir mehrfach, bereits bevor ich es an etwas Nennenswertem festmachen konnte, Stimmungen und Zwischentöne aufgefallen sind. Noch bevor ich es wirklich begründen hätte können, habe ich Lieblinge auserkoren oder mich im Umgang mit anderen Unternehmen unwohl gefühlt – oder war achtsam, weil ich das Gefühl hatte, in einer Waagschale zu sitzen. Habe Widerstände gespürt, lange bevor sie sich dann in bezeichenbaren Größen manifestiert haben. Und nein, ich bin kein Medium.

Es ist, als könne man seine Kinderstube nicht leugnen, selbst im Erstkontakt, bei dem jeder einen guten Eindruck hinterlassen will. Benehmen sich die Kinder halbwegs wie zivilisierte Menschen, weil über ihnen das Damoklesschwert von 500 Jahren Fernsehverbot schwebt oder tun sie es, weil es einfach ihrer Familienkultur, ihrem ganz normalen Umgang entspricht? Auch eine Freundin, gelernte Erzieherin, erzählt immer wieder, man merke wie die Familien „ticken“ auch ohne, dass die Kinder davon explizit erzählen müssten. Wir können uns also darauf einigen: nichts bleibt hinter verschlossenen Türen, weder den familiären noch den unternehmerischen.

Unternehmenskultur ist so ein wichtiges Schlagwort; eine Unternehmensidentität mit einer reflektierten Kultur, die Frage „Wer wollen wir sein?“ und „Wie wollen wir wahrgenommen werden?“ hat sich doch mittlerweile bald jedes Unternehmen gestellt. Aber scheinbar wird die Idee der Unternehmenskultur selten zu Ende gedacht. Das Schlagwort der Unternehmenskultur bleibt quasi der Paukenschlag der Ouvertüre… und dann folgt Stille. Die Ouvertüre endet mit einer schönen Definition nach dem Strategiemeeting oder nach unzähligen kreativ-Übungen des Offsite Meetings. Die Kultur eines Unternehmens lebt – oder stirbt – aber eben damit, gelebt und transportiert zu werden. Grundlage dessen ist, dass sich die Mitarbeiter*innen mit der Kultur und der Identität ihres Unternehmens identifizieren können und, wenn wir bei den Metaphern bleiben, die Melodie aufnehmen und fortführen.

Ich kann also auf meiner Strategietagung überlegen, dass ich gerne ein offenes, dynamisches und motiviertes Unternehmen sein möchte, eines mit dem nötigen „Drive“ etwas zu bewegen und keiner Angst vor dem Verlassen meiner Komfortzone. Aber wenn meine executive Assistant tief in ihrem Herzen einfach nur die Vorstandssekretärin sein möchte und jede neue Aufgabe auf innere Widerstände stößt, wird man in seiner Außenwirkung leider nicht das innovative und unerschrockene Unternehmen sein, als das man sich gerne präsentieren würde. Zumindest nicht für die, die auf unsere executive Assistant stoßen. Als Quintessenz kann man also festhalten: Nichts geht ohne eine exzellente executive Assistant (*hüstel*).

Kleiner Scherz. Aber es kommt eben auf jeden Mitarbeiter an und auf das, was er zwischen den Zeilen nach außen transportiert. Eine durchgestylte Homepage wirkt lächerlich, wenn man in der Kommunikation mit den Mitarbeiter*innen förmlich den Zettelkasten riechen kann. Ebenso lächerlich ist es Regenbogenfähnchen zu posten oder Quoten festzulegen, wenn am Ende doch die Augenbrauen hochgezogen werden. Die wirkliche Quintessenz sollte doch also sein: sorgt für eine stringente und konsequent gelebte Unternehmenskultur, die vor allen Dingen auf Authentizität setzt.

#unternehmenskultur #corporateidentity #unternehmensdna

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